Die Biografie von Esther Jurman, geb. Singer, Ustrzyki Dolne
Kurzbiografie und Stationen ihrer Verfolgung
- Esther Jurman, geborene Singer, geboren am 1.10.1924 in Ustrzyki Dolne/Polen
- 1931/1932 Berlin, Volksschule Rieckestrasse
- 1936 Reichenbach/Tschechoslowakei, Tod der Mutter
- 1936 Berlin, wohnte bei ihrem Onkel Akiwa Schreiber, Metzerstrasse 29. Der Vater blieb in der Tschecho-Slowakei
- 1936-1938 jüdische Mädchenschule Augustenstrasse
- 4.1.1939 Kinder-Transport nach Holland
- Kinderheim Losser/Enschede
- Jugendherberge "Vondelhof" bei Amsterdam
- Kinderheim Mynsherenland bei Rotterdam
- 1940-1941 Loosdrecht (holländischer Text) bei Hilversum
- Herbst 1941 - 3.10.1942 Elden bei Arnheim
- 3.10.1942 - 10/1944 KZ Westerbork, Baracke 69
- 3.10.1944 KZ Theresienstadt
- Befreiung
- Holland, Südfrankreich,
- 1946 Israel
Vor der Verfolgung
Ich bin am 1.9.1924 in Ostriki, Polen als Tochter von Chaim Singer und seiner Frau Rachel, geb. Landau geboren und jüdischer Abstammung. Seit August 1952 bin ich mit Jurman Pinchas, Journalist, verheiratet und habe keine Kinder.
Im Jahre 1931 oder 1932 kam ich mit meiner Mutter und zwei Brüdern nach Berlin, nachdem mein Vater schon einige Jahre vorher dort war. Mein Vater hatte ein Lumpengeschäft. Ich bin sofort nach der Einwanderung in die jüdische Volksschule, Rieckestrasse bis Anfang 1936 gegangen.
Eidesstattliche Erklärung von Ester Jurman, Tel-Aviv, 26.10.1956
Ich habe von 1931 oder 1932 bis Anfang 1936 die jüdische Volksschule in Berlin, Riecke Strasse besucht.
Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, wanderten meine Eltern mit mir Anfang 1936 nach Reichenberg/Tschechoslowakei aus. Dort kam meine Mutter durch einen Unfall ums Leben.
Mein Vater schickte mich nach Berlin zurück, wo ich bei meinem Onkel Schreiber /Bruder meiner Mutter/, Metzer Strasse 29, wohnte. Da mein Vater in der Tschechoslowakei blieb, sorgte mein Onkel für meine weitere Ausbildung. Ich besuchte von 1936 bis Ende 1938 die jüdische Mädchenschule in der Augustenstrasse. Am 4.1.1939 wurde ich mit einem Kindertransport nach Holland gebracht.
Anmerkung: in der Erklärung steht "4.1.1933". Ist ein offensichtlicher Fehler.
Erklärung zum Ausbildungsschaden, Eingang Entschädigungsamt Berlin 7.12.1957
Von 1931 bis Januar 1939 besuchte ich die jüdische Mädchenschule in Berlin, Auguststraße. Etwa Anfang 1937 trat in diese Schule die Antragstellerin ein. Sie hatte schon vor der Hitlerzeit in Berlin gewohnt, war aber mit ihren Eltern 1936 nach der Tschechoslowakei übergesiedelt. Als dort ihre Mutter starb, kam sie allein nach Berlin zurück, um bei ihrem Onkel und Tante Schreiber in der Metzerstraße zu wohnen. Ihr Vater blieb in der Tschechoslowakei. Seit damals - es war, soweit ich mich erinnere, Anfang 1937 - waren wir Schulfreundinnen und besuchten zusammen bis Ende 1938 die Schule in der Auguststraße.
Anfang Januar 1939 verließen wir beide Berlin mit Kindertransporten Ich nach England, die Antragstellerin nach Holland. Wir fuhren beide am gleichen Tage /4.Januar 1939/ ab und ich brachte die Antragstellerin zur Bahn, da mein Zug etwas später abging. So kann ich auch bezeugen, dass der letzte Wohnsitz der Ester Jurman in Berlin, Metzerstrasse, war.
Eidesstattliche Erklärung von Olga Herman, geb. Ziegler, 27.3.1957, Tel-Aviv
Ich bin am 9.1.1924 in Berlin geboren und jüdischer Abstammung.
Ich habe die Antragstellerin
J U R M A N Esther geb. Singer
mit der ich nicht verwandt oder verschwägert bin, in Berlin in der Schule kennen gelernt.
Ich habe immer in Berlin in Waisenhäusern gelebt, und zwar in der Zeit, in der ich mit Esther Singer zusammen war , im Auerbachschen Waisenhaus in der Schönhauser Allee 162.
Ich war mit der Antragstellerin zusammen in der gleichen Klasse der jüdischen Volksschule, Rieckestrasse vom Jahre 1932 bis 1936. 1936 übersiedelte die Antragstellerin in die Tschechoslowakei, während ich weiter in Berlin bis 1938 blieb. Ich kam dann mit einem Kindertransport nach Holland, wo ich später, 1943, die Antragstellerin im Konzentrationslager Westerbork wiedertraf.
Ich selbst lebte nach der Befreiung bis 1948 in Holland und wanderte nach Israel ein.
Eidesstattliche Erklärung von Ingeborg Steyer, vom 26.10.1956, Tel-Aviv
Niederlande
Am 4.1.1939 wurde ich mit einem Kindertransport nach Holland gebracht. Hier war ich in verschiedenen Kinderheimen, von 1939 bis Oktober 1942 und habe in diesen ab und zu Unterricht gehabt. Am 3.10.1942 wurde ich verhaftet und in das KZ Westerbork gebracht. und von dort im September 1944 in das KZ Theresienstadt.
Erklärung zum Ausbildungsschaden, Eingang Entschädigungsamt Berlin 7.12.1957
Am 4.1.1939 kam ich mit vielen Kindern aus Berlin nach Holland. Dieser Transport war vom holländischen Komitee organsiert worden. In Holland kam ich in ein Kinderheim, Losser bei Enschede. Nach einigen Monaten kam ich in die Jugendherberge "Vondelhof" in Amsterdam. Dann befand ich mich nach einem halben Jahr in einem Kinderheim Mynsherenland bei Rotterdam, wo ich bis Herbst 1940 blieb. Nach einem weiteren Aufenthalt bis Herbst 1941 in Loosdrecht bei Hilversum war ich im Jugendheim in Elden bei Arnheim. Hier wurde ich am 3.10.1942 verhaftet und und nach dem K.Z. Westerbork gebracht
Eidesstattliche Erklärung von Ester Jurman, Tel-Aviv, 26.10.1956
Meine letzte Wohnadresse war: Elden, Holland, Huize "Vorrburg", Drielsedíjk Nr. 1, wo ich zwecks landwirtschaftlicher Ausbildung weilte. Wir waren eine Gruppe von ungef. 40 Personen. Aus dieser Ausbildungszeit kenne ich die Antragstellerin
J U R M A N N Ester, geb Singer
welche sich in der gleichen Ausbildungsgruppe befand.
Ab Mai 1942 mußten alle Juden von Elden, Holland, lt. Verordnung der Deutschen das Judenkennzeichen tragen und zwar einen gelben Fleck mit schwarzen Davidstern, darin die Aufschrift "JOOD" und waren somit allen gegen die Juden gerichteten Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt.
Sowohl Antragstellerin Frau Jurmann Ester, geb. Singer, als auch ich mußten ab diesem Zeitpunkt dieses Judenkennzeichen tragen. Im Oktober 1942 wurden wir in das K.Z. Westerbork eingeliefert und mußten auch hier das Judenkennzeichen weitertragen.
Eidesstattliche Erklärung Zeuge Eliezer (Leonardus) Ben Asa (van Esso), Tel-Aviv, 4.8.1957
Im Jahre 1941 besuchte ich zwecks landwirtschaftlicher Ausbildung eine landwirtschaftliche Schule in Elden, Holland. Dort lernte ich die Antragstellerin
Frau Ester Jurmann geborene Singer
kennen.
Am 3. Oktober 1942 wurde eine Gruppe von ungefähr 40 Kindern verhaftet und in das K.Z. Westerbork eingeliefert. Sowohl die Antragstellerin als auch ich befand sich in dieser Gruppe. Ich wohnte mit der Antragstellerin zusammen in der Baracke 69 und arbeitete mit ihr bei Bauern.
Bis Februar 1944 war ich mit der Antragstellerin zusammen. Dann trennten sich unsere Wege.
Anmerkung: nach o.g. Karteikarte lebte Ester Singer in Baracke 64
Eidesstattliche Erklärung Towa Weinbaum geb Lunsky, Tel-Aviv, 7.12.1955
KZ Theresienstadt
... von dort im September 1944 in das KZ Theresienstadt.
Eidesstattliche Erklärung zum Ausbildungsschaden, Eingang Entschädigungsamt Berlin 7.12.1957
Im September 1944 wurde ich mit der Antragstellerin im gleichen Transport in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ich wurde dort in der Jägerkaserne untergebracht, während Antragstellerin in derselben Kaserne wohnte. Ich habe sie dort täglich beim Essen holen oder nach der Arbeit getroffen.
Eidesstattliche Erklärung von Hans Shlomo Cohen, Tel Aviv, 5.1.1956
Nach der Befreiung
Nach der Befreiung ging ich 1945 nach Holland zurück und wohnte bei einer Freundin in Amsterdam. Ich konnte nicht arbeiten. weil ich zu schwach war und wurde von meiner Freundin erhalten. Ein viertel Jahr später wurtde ich durch die holländische zionistische Organisation nach Frankreich verschickt und blieb in Südfrankreich auf einem Gut in der Nähe von Pau ein Jahr.
Im März 1946 wanderte ich in Israel ein. Ich lernte hier ein Jahr Kinderschwester. Die Mittel hierzu habe ich vom "Verband der Einwanderung aus Holland" vorgestreckt bekommen. Dann arbeitete ich bis Sommer 1948 als Kinderpflegerin und war bis Sommer 1951 beim Militär. Darauf war ich wieder im Regierungskrankenhaus Tel-Letwinski bis August 1952, d.h. bis zu meiner Heirat.
Eidesstattliche Erklärung von Ester Jurman, vom 26.10.1956, Tel-Aviv
Zeugen von Esther Jurmann
| Name, Geburtstag und -ort | Stationen | Zusammen mit Esther Ziegler | Dokumente |
| Olga Herman, 17.2.1925 in Zborov/Tschechoslowakei, geb. Ziegler | Berlin, 1/1939 Holland, England, 1947 Israel | Berlin | https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12679632 |
| Eliezer (Leonardus) Ben Asa (van Esso), 2.12.1923 in Amsterdam/Holland | Elden, Holland, Huize "Vorrburg", Drilsedyk Nr. 1, Westerbork, Bergen-Belsen, Torgau | Westerbork | https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130284985 |
| Towa Weinbaum, 9.10. 1924 in Byalistok/Polen, geb Lunsky | 1933 von Byalistok nach Groningen, Oktober 1942 Westerbork, 2/1944 Bergen-Belsen, 30.6.1944 Palästina | Elden, Westerbork | USHMM: Guta Lunsky - List of Persons Who Arrived in Palestine on 10 July 1944 under the Auspices of the Third German-Palestinian Exchange (242 persons) (ID: 20664), https://spurenimvest.de/2025/03/19/lunsky-greta/ |
| Hans Shlomo Cohen, 27.12.1920 Breslau | Franeke/Holland, 11/1941 Westerbork (Baracke 21), Theresienstadt, KZ Auschwitz, KZ Gleiwitz, KZ Blechhammer | Westerbork, Theresienstadt | https://collections.arolsen-archives.org/de/document/4966616, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130274504, https://spurenimvest.de/2025/07/06/cohn-hans-martin/ |
| Ingeborg Steyer, 9.1.1924 Berlin | Berlin, Westerbork | Volksschule Rieckestrasße, Westerbork | https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12675346, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130381033 |
| Uri Paul de Vries, 19. Mai 1926 in Nordhorn/Deutschland | 1940 Lloydhotel, Amsterdam, Westerbork (Baracken 21, 47, 19) | Westerbork | https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130394291 |
Entschädigungsämter:
Hans Shlomo Cohen: Koblenz
Uri Paul de Vries: Hannover
Towa Weinbaum: Koblenz
Anmerkungen
Zeugen
siehe oben
Weitere Quellen
- https://www.europeremembers.com/de/pois/1994/www.historischekringelden.nl
- https://nl.wikipedia.org/wiki/Hachsjara_Elden
- https://nl.wikipedia.org/wiki/Jeugdalijah_Loosdrecht
- https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Jugend-Alija
Eine sehr detaillierte Biografie von Esther Singer und eine Beschreibung des Schicksals von Familienmitgliedern, siehe http://spurenimvest.de/2025/07/10/singer-esther/
Entschädigungsamt
Berlin
Anmerkungen
Zusammenfassung Loosdrecht:
eingerichtet 1939, Träger die "Kinder- und Jugend-Alija", eine Organisation, um jüdischen Jugendlichen eine landwirtschaftlich Ausbildung zukommen zu lassen als Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina (Stichwort Palästina-Pioniere).
Die Jugendlichen waren zum größten Teil deutsche Juden die mit den Kindertransporten in die Niederlande verbracht worden waren, auch aus dem Jugendalliah-Heim „De Vondelhof“ in Amsterdam.
Im Sommer nach der Kapitulation schlossen sich zwanzig Bewohner einer geschlossenen Einrichtung in Mijnsheerenland den Loosdrechters an.
Zusammenfassung Elden
Gegründet Mai 1941, 43 Bewohner, 30 Deutsche, 13 Niederländer. Ziel: landwirtschaftliche Ausbildung als Vorbereitung auf Emigration nach Palästina. Deportation von 37 Personen am 3.10.1942 nach Westerbork.
Jugend-Alila:
gegründet 30.1.1933 in Berlin, sollte jüdische Kinder und Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiten. Zunächst wurden in niederländischen Häusern deutsche und österreichische Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren aufgenommen, die nach der Kristallnacht im November 1938 mit den Kindertransporten in die Niederlande geflohen waren.
Bildnachweis
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